Als die Siedlung  „Ochsenkopf“  noch nicht stand

Die Landschaft, der Boden und die früheste Besiedelung der Gegend, in der heute die Siedlung „Ochsenkopf“ liegt, stehen in enger Beziehung zum Neckar, nämlich dessen Uferlandschaft. Der Boden ist Schwemmland des Flusses und setzt sichzusammen aus Neckarsanden und Uferaulehm. Dazwischen liegen vereinzelt größere Findlinge aus Sandstein und Granit. Treibende Eisschollen von großem Format, inwelche die Felsen eingefroren waren, haben diese vor urdenklichen Zeiten einmal hierher verschleppt. In dieser urgeschichtlichen Zeit floss der Neckar sogar lange Zeit über das Gelände der Siedlung Ochsenkopf. Er formte, was heute kaummehr sichtbar ist, die Landschaft, bildete Hügel und spülte Senken aus, welche noch lange Tümpel und Teiche bildeten. Als der Neckar endgültig seinen heutigenVerlauf nahm, entstand am Neckarbogen das Hochufer, auf dem jetzt die Siedlung liegt.  

 

Vor etwa 5000 Jahren kamen hierher die ersten Menschen. Die dichten Wälder reichten damals bis an den Fluss. Hier legten die ersten Siedler mit ihren Einbäumen aus einem einzigen Baumstamm an und begannen den Ufer Wald zu roden. Das Gesträuch und Geäst wurde verbrannt und diente als natürlicher Dung für den zukünftigen Ackerboden. Hatten sie den nötigen Platz für die Siedlung geschaffen, dann begannen sie mit dem Bau von Hütten. Vorher hatten sie sich aus Buschwerk notdürftige Unterschlupfe zurechtgemacht. Für die zukünftige Behausung hoben sie zunächst eine Grube aus und errichteten an ihren Seiten Wände aus Astgeflecht, das sie mit Lehm ausstrichen. Das Spitzdach bedeckten sie mit Schilf vom nahen Fluss. Es hatte in seinem Giebel zwei Öffnungen, damit der Rauch der Feuerstelle im Innern der Hütte abziehen konnte.  

 

Um das leibliche Wohl brauchten sich diese Menschen keine Sorgen zu machen. In den Wäldern konnten sie jagen und mit ihren Einbäumen im Neckar fischen. An Haustieren hielten sie Ziegen, Schafe und Rinder. Pferde hat man damals als Haustier noch nicht gezähmt. Unter den Eichen fanden die Schweine reichlich Nahrung. An den Eichenwald erinnert heute noch der Name „Rauschen“, was Eiche bedeutet und womit ein Gewann bezeichnet ist. Mit dem vom Rind gezogenen Pflug aus einer starken Astgabel, an deren kürzeren Teil ein steinernes Pflugschar befestigt war, kultivierten sie den Boden. Sie bauten Weizen und Gerste an, deren verkohlte Körner wieder gefunden wurden. Diese sesshaften Bauern in geschlossenen Siedlungen sind die ersten Bewohner unseres Unteren Neckarlandes.

E serhebt sich jetzt die Frage: Woher wissen wir das alles? Die Erkenntnisse gewinnen wir aus den archäologischen Funden, die die Erde bei der Bestellung der Äcker oder bei Tiefbauarbeiten freigibt. Auch beim Bau der Autobahn wurden viele frühgeschichtliche Funde gemacht.  

 

Aufschlussreiche Fundstellen sind zunächst Plätze, an denen einmal Wohnhütten standen. Es liegen auf dem Grund der Wohngruben,  Geräte aus Knochen und Stein, denn das Eisen kannte man damals noch nicht. Diese Menschen der „Jungsteinzeit“ besaßen die Fertigkeit, mittels  „Drillbohrer“ aus Knochenröhren ihre Steinbeile zu durchbohren, damit sie den Schaft einstecken konnten. Auf dieselbe Weise stellten sie auch Pflugschare her, die in die genannte Astgabel gesteckt wurden. Einer meiner Wieblinger Schüler brachte einstens dem Heidelberger Archäologen Dr. Heukemes einen solchen Fund vom Neckarufer. Der Steinpflug zeigt die Ritzspuren von eisernen Pflugscharen, die lange Zeit später über ihn hinweg gegangen waren. Die von Frauen hergestellten Becher, Töpfe und Schüsseln waren im lederharten Zustand vor dem Brennen verziert worden. Die Muster zeigen hauptsächlich Bandformen, weshalb man ihre Hersteller als „Bandkeramiker“  bezeichnet. Die geflochtenen Wände ihrer Hütten hinterließen Spuren in dem bei Bränden hart gewordenen Hüttenlehm. Steinzeitliehe Geräte und Topfscherben findet man in den Gräbern der frühen Uferbewohner. Die Toten wurden in HockersteIlung  gefesselt und auf der Seite liegend begraben. Gefesselt waren sie deshalb, damit sie nicht als „Geister“ wieder kommen konnten. Aufschlussreiche Funde kommen auch beim Freilegen von Abfallgruben zum Vorschein, die sich in unmittelbarer Nähe der Wohnungen befinden. Aus den darin liegenden Tierknochen kann man auf die Tiere schließen, die damals gejagt odergehalten wurden. Mit diesen frühesten Bewohner des Neckarufers beginnt die 5000jährige Geschichte der Besiedlung des Unteren Neckarlandes. Ihnen folgenweitere Siedler aus anderen Kulturkreisen. Etwa um 2000 vor Chr. beginnt die Bronzezeit. Die Menschen dieser Epoche verfertigten kunstvolle Waffen und Geräte aus Bronze. Die Frauen trugen wertvollen und fein gearbeiteten Schmuck. Im ersten Jahrtausend vor Chr. kamen die Kelten und errichteten auf dem Heiligenberg eine Höhensiedlung hinter mächtigen Mauern. Sie bearbeiteten bereits das Eisen und formten ihre Töpfe auf der Töpferscheibe.

Und immer weiter wechselten wie in einem Welttheater die Szenen vor der ewigen Kulisse der Berge und des Tales. Im ersten Jahrhundert nach Chr. kamen die römischen Legionen in unser Land. Auch sie zogen über den Uferweg am Ochsenkopf, wenn sie vom Brückenkopf im heutigen Bergheim zu einer römischen Siedlung bei Wieblingen marschierten.  

 

Besondere Bedeutung aber gewann das Terrain des Ochsenkopfes, als im 8. Jahrhundert fränkische Stämme in das Untere Neckarland kamen. Sie gründeten alle Dörfer um Heidelberg, die jetzt Stadtteile sind. Heidelberg selbst trat erst vierhundert Jahre später in die Geschichte ein. Unter diesen fränkischen Dorfgründungen waren auch die Orte Bergheim und Wieblingen, die demnach auf eine mehr als 1200jährige Geschichte zurückblicken. Von da an wurde der Grund des Ochsenkopfes dauernd bearbeitetes Bauernland und das blieb der Boden auch über das Mittelalter hinaus bis in unser Jahrhundert. Das Land wurde von Wegen durchzogen und schon früh in Gewanne eingeteilt. Bereits um 1500 taucht der Gewanname  „Ochsenkopf“ auf, dessen Bedeutung noch nichtgeklärt wurde. Die heutige Siedlung, die diesen Namen trägt, liegt auf den alten Gewannen Großer und Kleiner Ochsenkopf, Oberer Rittel sowie Unteres und Oberes Krummes Horn. Ob diese Bezeichnungen mit der Gestalt des Ackers etwas zutun haben, kann nur vermutet werden. Erklärbar dagegen ist der Gewanname „ Beider steinernen Ruh“. Darunter versteht man eine rückenhohe Bank, auf der die Lastenträger ihre Tragkörbe abstellen konnten, ohne sie vom Rücken nehmen zumüssen. Zuweilen standen solche steinerne oder hölzerne alte „Ruhen“ bei Wegkreuzen, an denen der vorbeikommende Händler ein Gebet verrichten und sich dabei ausruhen konnte.  

 

Betrachtet man die archäologische Karte unserer Umgebung, so sieht man darauf entlang dem Ufer zwischen Bergheim und Wieblingen einen breiten Streifen grün schraffiert. Er weist darauf hin, dass in diesem Gebiet zahlreiche frühgeschichtliche Funde gemacht wurden - der Ochsenkopf liegt mitten drin -. Wer nun aber diese Funde in Wirklichkeit sehen will, der findet sie anschaulich erklärt in der Frühgeschichtlichen Abteilung des Kurpfälzischen Museums in Heidelberg. Dort ist - unter all den anderen interessanten Ausstellungen - ein steinzeitlicher Hüttenplatz dargestellt. Die der Zeit entsprechend mit grobgewebten Kleidern und Pelzen ausgestatteten lebensgroßen Figuren hantieren mit echten Geräten aus jener Zeit. An der geflochtenen Lehmwand steht ein Gestell mit den vorhin genannten Schalen und Töpfen. Und nicht zuletzt steht auf dem Boden die Nachbildung einer  „Drillbohrmaschine“.Wen würde das nicht interessieren?  

 

Ludwig Merz 1996